Bis dann der Zusammenbruch kam.
Es war ein Mittwoch im März dieses Jahr.
Wieder einmal eine Panikattacke.
Aber eine, die ich so noch nie hatte. Im Nachhinein hat sich herausgestellt, dass ich sogar dissoziiert hab – sprich ich hab mich in der Akutphase von meinem Körper abgespalten. Ein automatisch ablaufender Schutzmechanismus der Psyche. Die Attacke dauerte länger als alle, die ich bereits hatte und die Nachphase war ebenfalls anders. Es war ein absoluter Hilferuf meines Körpers.
An den kommenden beiden Tagen war ich nicht mehr wirklich gut ansprechbar, geschweige denn zur Leistung fähig. Wir organisierten uns im Geschäft und ich war für den nächsten Monat krankgeschrieben.
Diagnose: Mittelschwere Depression und Angststörung.
Warum ich das so offen kommuniziere?
Weil es noch immer viel zu selten gemacht wird.
Weil es viel zu viele Menschen gibt da draussen, die damit zu kämpfen haben und stigmatisiert werden. Weil es gut behandelbar ist, wenn Betroffene nicht zu lange warten, um sich Hilfe zu holen.
Und weil auch psychische Krankheiten nicht verurteilt werden dürfen!

Wir werden in naher Zukunft noch viel mehr mit solchen Krankheitsbildern zu tun haben, als wir es ohnehin schon tun. Betroffene sind aber keineswegs «einfach wieder mies drauf», «zu faul für alles», «verlangsamt und nicht motiviert» oder was du auch immer davon halten willst. Im Gegenteil: Es sind Menschen, die wollen, aber einfach nicht mehr können, weil es der Körper und die Psyche nicht mehr zulassen.
Sie stecken in einer Zwangsjacke fest und können sich derzeit nicht entfesseln. Ihre Emotionen wurden zu einem Eisklotz eingefroren.
Und sag mir bloss nicht, dass irgendjemand dies freiwillig auf sich nimmt.
Das macht niemand. Das will niemand!
So unterschiedlich wir Menschen sind, so differenziert zeigen sich auch die Symptome. Schleichend. Über einen längeren Zeitraum. Es ist sehr schwierig zu sagen, wann es beginnt und wann es endet.
Rückblickend läuft bei mir dieser Prozess bereits über bald drei Jahre hinweg.
Jawohl, rückblickend. Das heisst, wenn du in mitten dieser Sch*** steckst, erkennst du es nicht. Es wird benebelt. Bis der Körper die Notbremse zieht.
Daher wird es immer wichtiger, aufeinander zu schauen. Sich gegenseitig als Menschen zu sehen, zu akzeptieren und bei beobachteten Verhaltensänderungen einzugreifen. Nicht einfach wegschauen. REAGIEREN heisst das Zauberwort.
Und nein, du kannst nichts falsch machen!

Der betroffenen Person signalisieren, dass du für sie da bist, dass du ihr zuhörst, sie nicht verurteilst, sie durch ihren Prozess als Umfeld begleitest. Das ist schon die halbe Miete. Und es tut noch nicht mal weh! Ausser wenn du nichts tust.
Ich will jetzt hier nicht alles aufleiern, was noch sein könnte, wie es nicht sein sollte und überhaupt.
Ich schreibe diesen Artikel, weil ich nun bereit bin, darüber zu schreiben und damit den Verarbeitungsprozess weiter unterstütze. Und ich schreibe diesen Artikel, weil es vielleicht, eventuell für die eine oder andere Person ein kleiner Mutmacher ist.
Es ist erlaubt, den Mut zu haben, für sich einzustehen und für sich zu sorgen. Es ist erlaubt, mit anderen darüber zu sprechen (oder zu schreiben, wenn es dir, wie mir auch, einfacher fällt ;-)) Es ist erlaubt, einen Weg für sich persönlich zu finden, den Regenerationsprozess zu unterstützen und sich geeignete Strategien anzulegen. Auch wenn es für andere unpassend erscheint. Das ist total egal. Fuck off. Es geht hierbei um dich und um dein Leben, welches wieder Lebenswert sein soll. Und es ist nicht nur erlaubt, sondern nötig, sich frühzeitig professionelle Hilfe zu holen.

Der Therapieprozess ist fordernd, dauert seine Zeit, ist aber hilfreich.
Es wird an den Wurzeln angepackt und es entsteht nochmals ein anderes Bündnis zwischen Körper und Psyche (Seele, Geist, oder wie du es auch immer nennen willst).
Ich wurde resp. werde noch immer, sehr gut aufgefangen von meinem Umfeld.
Das ist Gold wert. Sowas von!
Es gibt Tage, an denen breche ich aus mir heraus und blühe. Dann bin ich voller Tatendrang und will mich neu entdecken. Und dann gibt es wieder Tage, an denen ich in alte Muster zurückfalle. Aber das ist okay. Das gehört zum Prozess dazu und hat seinen Grund.

Eigentlich dachte ich, die Vergangenheit von damals hinter mich gelassen zu haben. Doch hat mich mein Körper als Ganzes eines besseren belehrt.
Anfänglich machte es mir Angst, zu was die Erfahrungen aus früheren Zeiten im Kopf von heute fähig sind. Getriggert durch Worte und Ereignisse in Alltagssituationen.
Mittlerweile habe ich aber gelernt, zu akzeptieren, was und wie es hinsichtlich dessen kommt. Glaubenssätze und Verhaltensmuster werden erlernt, also können sie auch wieder verlernt oder umprogrammiert werden.
Nun ist es Zeit, abzurechnen. Naja, nicht im wörtlichen Sinn. Aber in Form von Therapietools.
Ich werde immer wieder dazu aufgefordert, mich diesen Erfahrungen zu stellen und das Regiebuch neu zu schreiben. Was zum einen schmerzhaft und energieraubend ist, kann andererseits Ressourcen aktivieren, die zukünftig geschickt eingesetzt werden.
Es fruchtet langsam. Langsam aber stetig.
Rückschritte sind da, aber es geht dann wieder zwei Schritte vorwärts.
Ich bestätige hiermit, dass solch ein Prozess absolut nicht geradlinig verläuft. Oh nein my dear, es ist ein Auf und Ab. Ein Hin und Her und ein Vor und Zurück. Aber es sind genau diese Richtungswechsel, die mich in der Flexibilität und der Akzeptanz lehren. Somit also durchaus auch positiv.
Es zeigt, dass das Leben oder die aktuellen Herausforderungen und Aufgaben, die wir zu bewältigen haben, nicht immer auf Anhieb stringent eine Linie verfolgen. Sei dies Privat, auf der Arbeit, Studium, Ausbildung oder wo auch immer.
Es zeigt, dass sich all dies in der Wirklichkeit bei Weitem nicht immer so abspielt, wie es uns oftmals auf dem Silbertablett präsentiert wird.
Manchmal frage ich mich: Was hast du zu verbergen, dass du auf Instagram, Facebook, LinkedIn, und wie die alle noch heissen, so eins auf heile, geile Welt machen musst?

Aktuell stehe ich an einem Punkt des Wandels. Ich weiss noch nicht genau, wohin gewandelt wird und in welcher Form. Manchmal tagsüber, vielleicht auch in der Nacht… 😉
Ich weiss nur, dass grad sehr, sehr viel in mir drin passiert.
Verbissen zu versuchen, es herauszufinden, zu ordnen, zu strukturieren, hab ich aufgegeben. Es ist wohl noch nicht so weit.
Ich lerne gerade, zu vertrauen. Ich lerne, mir zu vertrauen, meinem Körper, meinem Leben. Ich kann und möchte darauf vertrauen, dass alles, was passiert, seinen Grund hat. Auch wenn dieser erst zu einem späteren Zeitpunkt nachvollziehbar ist. Es hat seinen Grund.
Kürzlich erlebte und noch bevorstehende Ereignisse helfen mir dabei. Das Umfeld hilft. Und ich lerne, mir selbst zu helfen. Das alles hilft.
Schreiben hilft.

Lange war ich mir nicht sicher, ob dieser Artikel entstehen soll.
Seit Jahren bin ich unsicher.
Eigentlich mein Leben lang.
Unsicherheit erlernt, durch Erfahrungen.
Und sie wird immer mal wieder auftauchen. Aber sie soll kein Bestandteil einer Krankheit mehr sein.
Sie soll den Weg für den wahren Menschen frei machen.
Ein Mensch der das Leben erleben will.
Deshalb ist dieser Artikel doch entstanden.
Weil es nun ein Teil meines Lebens ist.

Blog `n Roll!

Das Bild entstand an einem Tag, an dem ich mich wenigstens für einen Spaziergang aufraffen konnte.
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