Die Abenddämmerung bricht ein.
Zwischen den Bäumen kämpfen sich die letzten Lichtstrahlen durch.
Dieses wenige Licht, welches mir beim Beschreiten des Weges ein Begleiter ist und nun immer mehr schwindet.
Obwohl ich den Ort sehr gut kenne, erscheint er mir in einem anderen Licht doch unbekannt.
Mit diesem Gedanken spüre ich meinen Herzschlag. Es schleicht sich ein Gefühl der Angst in meine Nähe.
Es zeigt mir, wie wandelbar das Vertraute doch sein kann.
Was orientiert, wenn das Licht auslöscht? Um sehen zu können, wird Licht gebraucht.
Muss denn immer alles gesehen werden?

Ein Blick in den Himmel zeigt bereits den Mond. Teils bedeckt von einem Wolkenschleier.
Über die Gestalt des Schleiers lässt sich spekulieren. Vielleicht sieht sie von einem anderen Standpunkt aus betrachtet völlig anders aus.
So wie wir uns verändern, kann sich auch die Gestalt einer Wolke verändern. Von einigen Beobachtenden als schön empfunden, fürchten sich andere davor.
Was genau wird gefürchtet? Die Folgen der Veränderung oder das Verhalten, das daraufhin gezeigt wird?

Mit jedem Schritt, den ich nun gehe, muss ich auf Stolperfallen gefasst sein.
Es liegen Steine auf dem Weg. Das Schuhwerk hält den kleineren davon stand.
Die Grossen sind spürbar. Je nach Form sind sie sogar für einen kurzen Moment schmerzhaft.
Kurze Momente lassen sich verarbeiten. Doch was ist, wenn sie wiederkehren während dessen die Narben noch nicht verheilt sind?
Wasserpfützen sorgen für Fehltritte. Das Wasser ist unterschiedlich tief. Manchmal werden nur die Schuhe etwas nass. Diese lassen sich ausziehen und im Laufe der Zeit trocknen sie wieder. Doch was ist, wenn aus einer harmlos erscheinenden Pfütze ein bedrohlicher Wasserstrom heranwächst. Auch gute Schwimmer können vom Sog überrascht werden.
Es scheint mir wichtig zu überlegen, welchen Anker ich auswerfen kann.
Abzweigungen könnten mich ins Ungewisse führen. Vielleicht weist mich der Weg auf eine mit Blumen bedeckte Wiese, in die ich mich schmiegen kann. Doch was, wenn ich plötzlich auf Nägeln aufwache?
Die innere Spannung lässt mich Gedanken und Emotionen entwickeln, die meine Wahrnehmung täuschen könnte.
Wie das Aussen gesehen wird, heisst nicht, dass es anschliessend im Innern so wirkt.
Diese innere Spannung loslassen und weitergehen, erscheint genauso fordernd. Auch wenn es manchmal Tempo rausnimmt, solange ich es nicht loslasse, ist es ein Teil von mir. Ein Teil, der zwar ermüdend sein kann, aber auch die Möglichkeit bietet, darüber nachzudenken, weshalb mein Ich es nicht gehen lassen will.

Mittlerweile hat mich die Dunkelheit eingeholt.
Der Mond noch immer ummantelt von Wolken.
Was zu anderen Zeiten noch so vertraut aussah, nimmt jetzt eine bedrohliche Gestalt an.
Was zuvor noch als Vogelgesang hörbar war, ist jetzt ein Rascheln mit schmerzendem Unterton.
Jeder Windstoss, den ich sonst als erfrischend wahrnehme, lässt mir nun ein Gefühl der Schauer übrig.
Obwohl ich weiss, nicht alleine in diesem Wald zu sein, hat jedes Lebewesen seine eigene Geschichte zu erzählen.
Doch wird diese Geschichte nicht immer in der gleichen Sprache erzählt. Manchmal muss zuerst die Sprache erlernt werden, um die Geschichte danach auch verstehen zu können.
Geschichten wollen nicht nur gehört werden. Sie sollen verstanden sein.
Ich habe einmal aufgehört Geschichten zu erzählen, weil meine Sprache nicht akzeptiert worden ist.
Doch wie ich mich dazu entschieden habe, in den Wald zu gehen und dem Ungewissen eine Gestalt zu verleihen, kann ich mich auch dazu entscheiden, welchem Publikum ich Zugang zu meiner persönlichen Geschichte verschaffe.

Ich folge meiner Intuition durch den Wald.
Sie ist mein Licht.
Manchmal hat dieses Licht genug Kraft, um meine Umwelt sichtbar zu machen.
Aber dann sind da die Tage, an denen es einem zurückhaltenden Kerzenschein entspricht. Der kleinste Windstoss könnte es erlöschen.
Was bleibt, ist ein schwarz gefärbter Docht. Das selbe Schwarz, wie es nun auch die Nacht hergibt.
Obwohl ich gerne wissen will, was diese Nacht und der Wald für Überraschungen verbergen, versuche ich mich auf den jeweiligen Moment zu fokussieren.
Jeder Moment, indem ich nicht auf einen schmerzhaften Stein trete.
Jeder Moment, in dem ich nicht in eine Wasserpfütze falle.
Jeder Moment in dem ich das Vertrauen haben kann, mich selbst auf den richtigen Weg zu bringen.
Woher habe ich die Gewissheit für das Richtige? Gibt es ein Richtig und ein Falsch? Und was, wenn diese Gewissheit da ist. Inwiefern kann sie mir die Hand reichen und mich an den Ort führen, der richtig oder nicht falsch ist? Gleicht das nicht einer Momentaufnahme?
Aus der Summe der Momentaufnahmen erfolgt das Ergebnis des Lebensfilms.
Mein Lebensfilm spielt sich gerade in diesem dunkeln Wald ab.
Ich kann nicht genau erkennen, welche Akteure mitspielen. Die Dunkelheit lässt das Sehen nicht zu. Vielleicht versteckt sich der eine oder andere hinter einem Baum. Sie warten, bis ihre Zeit der Rolle gekommen ist. Welche Rollen waren zu vergeben?
Das Gefährliche an einer Rolle ist, dass man mit dessen Identifizierung seiner Selbst untreu wird.
Manchmal erscheint es mir, als ob einer dieser Akteure direkt hinter mir steht und in meinen Nacken haucht. Vielleicht ist es auch nur sein Schatten. Wie kann ein Schatten ohne Licht da sein? Ist es mein Inneres, das mir ein Streich spielt?
Ich versuche, mich nach ihm umzudrehen, doch lässt dies mein Körper nicht zu. Es scheint, als ob mein Lebensfilm aus verschiedenen Bühnenkonstrukten besteht.
Als Regisseur des Lebensfilms trage ich die Verantwortung, ein stimmiges Werk zu veröffentlichen.
Doch was für die eine Person stimmig erscheint, kann für eine andere vollkommen unpassend sein.
Der Film wird von aussen gesehen, aber vom Verantwortlichen gelebt.
Das Aussen sieht das Endprodukt, aber der Verantwortliche erlebt den Produktionsprozess mit all seinen Fallstricken.
Die Dunkelheit im Wald erschwert das Erkennen der Akteure und ihr Handeln im Lebensfilm. Es werden Dinge getan, die niemals gesehen werden. Was bleibt ist die Erfahrung, die auch ohne das Licht gemacht werden kann und sich mit der Zeit in eine Erinnerung wandelt.
Ist diese Erinnerung positiv, stärkt sie mich, auch alleine aus diesem dunkel bekleideten Wald herauszukommen.
Ist diese Erinnerung negativ, prägt mich die Angst, vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr zu sehen.

Ohne zu wissen, wie viel Zeit mittlerweile vergangen ist, folge ich einem Weg.
Der Mond, noch immer von Wolkenschleiern teils bedeckt, scheint immer an gleicher Stelle zu sein.
Trete ich an Ort und Stelle, ohne voranzukommen?
Sind es die falschen Schuhe, die mich am Vorwärtsgehen hindern?
Das Gefühl für die Zeit wird von stärkeren Gefühlen überdeckt.
Manchmal ziehen sie sich für wenige Sekunden vollkommen zurück, einer Ebbe gleich, um dann als Flut Herr über mich zu werden.
In dieser Flut werde ich geschleudert. Das Oben wird zum Unten und das Unten wird zum Oben.
Diese Flut löst Todesangst aus, weil ich keinen Rettungsring sehe. Oder blicke ich in diesem Moment einfach in die falsche Richtung?
Flacht diese Flut ab, muss die Verwüstung zuerst wieder in Ordnung gebracht werden. Das erfordert Kraft und den Willen, immer wieder das Selbe zu tun. Ohne zu wissen, wann der nächste Sturm meine kleine Insel erneut überflutet.

Der Weg führt mich noch immer im Ungewissen herum.
Im Wald
In der Dunkelheit.
Nicht allein, aber doch für mich.
Allein sein, heisst nicht einsam sein.
Kann ich überhaupt allein sein? Ich habe meinen Körper. Und ich habe mich selbst. Das sind zwei in einem.
Das Eine fliesst in das Andere und umgekehrt genau so. Also doch Eins?
Was, wenn der Weg nicht endet und sich irgendwann, ohne dass ich es bemerke, in einen anderen Weg hineinfädelt?
Dann würde ich wohl so lange diesen Weg gehen, bis die Morgendämmerung einbricht und mir das nötige Licht zum Sehen schenkt.

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