Da sass ich nun in einem Saal, umgeben von weiteren ca. 250 Teilnehmenden. In der Mehrheit Ärzte und Therapeuten. Einige davon sind selbst betroffen und oder haben täglich mit Betroffenen zu tun. 
Ich durfte kürzlich an einem Symposium teilnehmen, bei dem es sich um den Kopfschmerzpatienten drehte. Es dauerte einen ganzen Tag und gestaltete sich als eine Vortragsreihe von 18!! verschiedenen Referaten rund um das Thema des Kopfschmerzes. Ich brauch wohl nicht zu erwähnen, dass ich am Ende des Tages die Heimreise mit Rauchzeichen und einem lauten Brummen aber vielen neuen und spannenden Informationen antrat. 

Die Sprecher waren hauptsächlich Professoren und Ärzte aber auch Apotheker und Psychologen mit jahrelanger Erfahrung im Umgang mit chronischen Kopfschmerz- und Migränepatienten. Themen wie die Diagnostik, medikamentöse und nicht-medikamentöse Therapiestrategien, Prophylaxe, physiotherapeutische Interventionen, die Chinesische Medizin, Kopfschmerz und Kind und psychologische Aspekte standen im Vordergrund und wurden prägnant auf den Punkt gebracht. Weiteres wurde auch ein seit Dezember 2018 in der Schweiz zugelassenes Medikament vorgestellt und es gab interessante Fragestellungen im Umgang mit einzelnen Cases. 

Das Eingehen auf die einzelnen Referate würde jetzt den Rahmen dieses Artikels um ein Weites sprengen. Aber ich möchte dir ein paar festgehaltene Eindrücke erläutern und erwähnen, was mich besonders sensibilisiert hat. 

Im Urwald der Schmerzarten
Die Ärzte bedienen sich in der Diagnostik des Kopfschmerzes an einer Klassifikationsliste mit mehr als 300 verschiedenen Kopfschmerzarten. Das sind ganz schön viele. Und dennoch ist es ihnen dank einer gründlichen Anamnese möglich, eine korrekte Diagnose zu stellen. Der Patient kann seinen Arzt dabei unterstützen, in dem er seinen Schmerz kennen lernt und dokumentiert. Also macht es diesbezüglich durchaus Sinn, ein sogenanntes Kopfschmerztagebuch zu führen. Anhand dessen fällt es nicht nur leichter eine Diagnose zu stellen, sondern auch eine möglichst nützliche und schnell wirkende Therapiestrategie herzuleiten. Mein persönlicher Gedankengang zu diesem Thema war die Identifikation mit seinem eigenen Schmerz. Insbesondere dann, wenn du mit chronischen Schmerzen konfrontiert bist und dich mittels dem Schmerztagebuch noch mehr mit dem Schmerz auseinandersetzen musst, läufst du Gefahr, das alles zu forcieren. Deine Aufmerksamkeit gilt dann nur noch dem Schmerz und nicht mehr dem Wohlbefinden. Meines Erachtens also eine Gratwanderung. Für die ärztliche Behandlung ist ein solches Tagebuch von grosser Bedeutung, deine Abgrenzung zum Schmerz wird jedoch immer schwammiger. 

Wir lassen es viel zu lange zu
«Ach, das bisschen Kopfschmerz geht schon wieder vorbei.» Oder: «Ja dann hab ich jetzt halt öfters mal einen Brummer – ist halt so.» Und dann, irgendwann wenn es schon fast zu spät ist, sitzt du beim Arzt, der dich fragt: «Wieso sind Sie nicht schon vor zwei Jahren gekommen?» Für solche Fragen hast du dann meistens nur noch ein leeres Schlucken übrig und fühlst dich vor den Kopf gestossen. 
Es ist sehr schnell passiert, dass sich der Schmerz chronifiziert und eine Therapie entsprechend dann auch länger andauert. Und das nur, weil wir dem Hilferuf unseres Körpers zu wenig Beachtung geschenkt haben und die Anzeichen als Bagatelle kleinredeten. Diesen Leidensweg musst du nicht gehen, wenn du früh genug reagierst. Der Schmerz ist immer ein Warnzeichen, das es ernst zu nehmen gilt. Das heisst jetzt nicht, dass du bei jedem Picks gleich in die Notaufnahme rennen sollst. Hier ist gesunder Menschenverstand gefragt. Gesunder Menschenverstand –  auch dir selbst gegenüber!

Ein neuer Hoffnungsschimmer?
Bereits in der Einleitung habe ich erwähnt, dass unter anderem auch ein neues Medikament vorgestellt wurde. Dies ist nicht wie die herkömmlichen in Tabletten- oder Pulverform sondern als Spritze erhältlich. Das Sonderbare an dieser Therapieform liegt darin, dass diese nicht auf den Magen bzw. die Leber oder sonstige Organe als Nebenwirkung einprasselt, sondern direkt an der Stelle anschlägt, an der man den neuesten Forschungen nach auch den Schmerz vermutet. Nämlich am sogenannten CGRP-Rezeptor (ausgesprochen Calcitonin Gene Related Peptid Rezeptor). Dieser Rezeptor soll eine bedeutende Rolle in der Entstehung einer Migräneattacke spielen. Der Wirkstoff dieser Injektion koppelt sich direkt an diesen Rezeptor an und hemmt somit die schmerzauslösenden Signale. In Absprache mit dem behandelnden Spezialisten wird dieses Medikament einmal im Monat oder zum Schluss sogar nur noch alle drei Monate injiziert. Es soll als neue Hoffnung für die Betroffene gelten, weil es die Anzahl der Attackentage immens sinken kann. Für diejenige, die sich an jeden Strohhalm klammern müssen, ist es durchaus eine Überlegung wert, sich darüber einmal schlau zu machen. Schreib dir bei Interesse also die Worte Aimovig Erenumab hinter die Ohren und erkundige dich bei deinem Arzt oder in der Apotheke. 
Es dient als Migräneprohylaxe und darf erst angewendet werden, wenn schon andere prophylaktische Therapien erfolglos abgeschlossen wurden. 

Die Pflege des Lebens
Dieser Satz war Musik in meinen Ohren. Wer mich als Person etwas kennt, der weiss, dass ich in manchen Bereichen etwas anders Ticke. Akzeptiers, oder lass es sein. 
Und genau mit diesem Satz hat mich der chinesische Mediziner mit seinem Vortrag über seine Behandlungsmethoden in den Bann gezogen.  «Die Pflege des Lebens.» Er sensibilisierte uns auf eine sympathische und humorvolle Weise, dass jeder für sein Leben selbst verantwortlich ist und wir unserem Körper das zuführen und ihn so behandeln sollen, wie es die Natur und unsere Biologie verlangt. Entsprechend ist auch jeder Kopfschmerzpatient ein Stück weit selbst für den Therapieerfolg verantwortlich. Die Ärzte und Therapeuten geben dir das Instrument in die Hand, das Musikstück dazu musst du aber selbst spielen. 
Es lohnt sich durchaus, einmal eine andere Perspektive einzunehmen. Die chinesische Medizin arbeitet sehr viel mit der körpereigenen Energie. Und wo Energie besteht, entstehen auch Blockaden. Und wo Blockaden entstehen, können auch Schmerzen aufkommen. Wenn du dich damit bis jetzt noch nie auseinandergesetzt hast, könnte dies durch und durch ein Anstoss dafür sein, dich für etwas Neues zu öffnen. Du wirst erstaunt darüber sein, wie viele AHA-Momente du erleben kannst. 

Sonderfall Kind
Uuuh, da hatte ich einige Flashbacks. Und «Sonderfall» ist wahrscheinlich auch das falsche Wort, weil Kopfschmerzen bei Kindern kein Sonderfall ist. Viele Kinder leiden darunter. Dennoch ist es von Erwachsenen etwas abzugrenzen aufgrund zusätzlich eingespielten Faktoren wie zum Beispiel die besorgten Eltern oder das ängstliche Kind. Auch hier wurden wir darauf aufmerksam gemacht, dass in vielen Fällen zu spät oder auch falsch diagnostiziert wird. Entsprechend leidet dann das Kind oder der junge Erwachsene an lang andauernden Schmerzen, bis eine Therapie endlich einschlägt. Im Kindesalter prägt uns so einiges, so auch Kopfschmerzen bzw. Migräneanfälle. Kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Diese Traumas nimmt das Kind mit in sein Erwachsenenleben und lässt den Brummer chronifizieren, bevor rechtzeitig die Schranke gestellt wird. 
Eine gute Aufklärungsarbeit ist hier besonders wichtig. Sowohl für das Kind als auch für die Eltern sollen Möglichkeiten offen stehen, darüber zu sprechen und zu wertvollen Informationen zu gelangen. 

Ich habe an diesem Tag wieder einmal den Eindruck gewonnen, dass Betroffene nie alleine sind und dass es viele Fachexperten gibt, die mit grossem Engagement Hilfestellung geben. Nichts desto trotz ist zu berücksichtigen, dass gerade die Migräne bei weitem noch nicht soweit erforscht ist, wie von manchen gewünscht und es sich als ein äusserst komplexer Fachbereich zeigt.
Solche Anlässe tanken mich persönlich auch immer wieder mit neuer Hoffnung auf und geben mir das Gefühl, verstanden zu werden. In sehr, sehr vielen Aussagen dieser Referate habe ich mich wieder gefunden und ich surfte auf einer Welle der Dankbarkeit, dass sich viele Menschen für die vielen Betroffenen einsetzen – Tag für Tag!

​Perform now, change forever!

brummschädelsymposium
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