Ein voller Supermarkt, mehrere Gespräche gleichzeitig, eine Nachricht auf dem Handy und irgendwo piepst eine Kasse.
Während viele Menschen solche Situationen kaum bewusst registrieren, läuft bei hochsensiblen Personen oft bereits das gesamte Stresssystem auf Hochtouren.
Vielleicht kennst du dieses Gefühl selbst: Eigentlich war „gar nichts Besonderes“, und trotzdem fühlst du dich nach bestimmten Tagen innerlich komplett erschöpft. Nicht einmal unbedingt körperlich, aber dafür mental überladen. Deine Gedanken kreisen ununterbrochen weiter, Gespräche hallen nach und selbst kleine Reize wirken jetzt plötzlich intensiv oder noch intensiver.
An dieser Stelle wirds nun spannend, weil wir nun die Hochsensibilität ins Spiel einbringen. Denn immer mehr Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass hochsensible Menschen Reize tatsächlich anders verarbeiten.
Die Hochsensibilität gilt aktuell nicht als psychische Störung oder klinische Diagnose. Nein, sie beschreibt eine Persönlichkeitsdisposition, die in der Wissenschaft auch als «Sensory Processing Sensitivity» (SPS) bezeichnet wird. Geprägt wurde dieses Konzept durch die Psychologin Elaine Aron. Sie geht in ihren Arbeiten davon aus, dass etwa 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung eine erhöhte Ausprägungen ebendieser Sensitivität zeigen.
Dabei geht es nicht einfach darum, „empfindlich“ zu sein. Hochsensible Menschen nehmen Reize oft detaillierter wahr, verarbeiten Informationen tiefer und reagieren stärker auf emotionale, sensorische oder soziale Eindrücke. Das kann eine grosse Stärke sein. Zugleich bedeutet dies aber auch eine erhöhte Belastung für das Nervensystem und letzten Endes für den gesamten Organismus.
Besonders interessant wird das Thema dort, wo die Psychologie und die Neurobiologie zusammenkommen.
Bildgebende Untersuchungen zeigen bei hochsensiblen Menschen unter anderem eine stärkere Aktivierungen in Hirnregionen, die an der Aufmerksamkeit, der emotionalen Verarbeitung und an der Selbstwahrnehmung beteiligt sind. Dazu gehören z.B. die Insula, die Amygdala sowie bestimmte Bereiche des präfrontalen Cortex.
Die Insula spielt eine wichtige Rolle für die Wahrnehmung innerer Körperzustände. Sie registriert beispielsweise den Herzschlag, muskuläre Spannung, die Atmung oder eine vegetative Erregung. Menschen mit einer hohen Sensibilität, scheinen solche körperlichen und emotionalen Signale häufig früher oder intensiver wahrzunehmen.
Das alles klingt zunächst positiv und das ist es in vielen Situationen auch. Diese stärkere Wahrnehmung kann die eigene Empathie fördern, selbst subtile Veränderungen erkennbar machen und ein feines Gespür für andere Menschen ermöglichen. Gleichzeitig bedeutet sie aber auch, dass Stresssignale schneller ins Bewusstsein gelangen und länger im Fokus der Aufmerksamkeit im Organismus bleiben.
Die Amygdala wiederum gehört vereinfacht gesagt zu den wesentlichen „Alarmzentren“ unseres Gehirns. Sie bewertet Reize danach, ob sie emotional relevant oder potenziell bedrohlich sind. Unter chronischem Stress reagiert dieses «Limbische System» häufig empfindlicher. Das Nervensystem schaltet schneller in eine Art innere Alarmbereitschaft. Genau hier entsteht bei vielen hochsensiblen Menschen ein entscheidender Mechanismus: Nicht zwingend die Menge der Belastungen wird zum Problem, sondern die Intensität der Verarbeitung.
Viele Betroffene beschreiben beispielsweise:
- dass Gespräche emotional lange nachhallen
- dass sie nach sozialen Situationen plötzlich ein starkes Bedürfnis nach Rückzug haben
- dass Geräusche oder Hektik irgendwann regelrecht «aggressiv» wirken
- dass sie trotz Müdigkeit innerlich nicht abschalten können
- dass selbst kleinere Konflikte eine körperliche Anspannung auslösen
Diese Form der Überstimulation wird häufig unterschätzt. Von aussen wirken hochsensible Menschen oft ruhig und funktional. Innerlich läuft ihr Nervensystem jedoch teilweise bereits auf Hochtouren oder ist in irgendeiner Form bereits überlastet bzw. kurz davor.
Gerät der Körper dauerhaft unter Stress, aktiviert sich eines der biologischen Stresssysteme unseres Körpers immer wieder aufs Neue: Die sogenannte Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse, kurz HPA-Achse. Dabei wird unter anderem das Stresshormon Cortisol ausgeschüttet. Kurzfristig hilft dieses Hormon dabei, Energie bereitzustellen und leistungsfähig zu bleiben. Bleibt die Aktivierung jedoch über eine längere Zeit bestehen, kann das den Schlaf, die Regeneration, die Konzentration und die emotionale Stabilität beeinträchtigen, was nicht zuletzt schwerwiegende gesundheitliche Schäden zur Folge hat.
Hinzu kommt ein weiterer wichtiger Punkt: Ein Nervensystem, das Reize intensiver verarbeitet, benötigt meist auch mehr Regulation und Erholung.
Das bedeutet nicht automatisch, dass hochsensible Menschen weniger belastbar sind. Nein, das Gegenteil ist meist der Fall. Viele leisten enorm viel, arbeiten sehr präzise, denken komplex und verfügen über eine ausgeprägte soziale Wahrnehmung. Problematisch wird es meist erst dann, wenn die Erholungsphasen dauerhaft fehlen und das Stresssystem bzw. der Organismus kaum noch herunterfahren kann. Und genau deshalb greifen pauschale Aussagen wie „du musst einfach entspannter werden“ häufig zu kurz. Wenn das Nervensystem bereits dauerhaft aktiviert ist, reicht reine Willenskraft oft nicht aus.
Hilfreicher sind meist Strategien, die direkt am Nervensystem ansetzen:
- reizärmere Regenerationsphasen
- bewusste Pausen ohne permanente Reizflut
- regelmässige, angepasste Bewegung in der Natur
- ausreichend und regelmässiger Schlaf
- klare Grenzen im Alltag
- soziale Sicherheit und stabile Beziehungen
- gezielte Körperwahrnehmung statt dauerhaftes Funktionieren
Auch eine bewusste, langsame Atmung, Naturaufenthalte oder ruhige Bewegungsformen zeigen in Studien positive Effekte auf das autonome Nervensystem und die Stressregulation.
Wichtig bleibt dabei eine saubere Unterscheidung: Nicht jede emotionale Reaktion bedeutet automatisch Hochsensibilität. Nicht jede Erschöpfung lässt sich durch die SPS erklären. Gleichzeitig zeigen die aktuellen Daten recht deutlich, dass Menschen mit hoher Sensibilität Reize häufig intensiver verarbeiten. Und dass genau das Auswirkungen auf deren Stressreaktionen haben kann.
Vielleicht liegt die eigentliche Herausforderung deshalb gar nicht darin, „weniger sensibel“ zu werden, sondern darin, sein eigenes Nervensystem zu verstehen, welches in gewisser Hinsicht etwas anders arbeitet. Und manchmal beginnt genau dort der erste Schritt zu mehr Selbstfürsorge: Nicht gegen das eigene System oder den eigenen Körper zu kämpfen, sondern zu lernen, gemeinsam mit ihm zu arbeiten und die entsprechend passenden Strategien zu entwickeln und etablieren.
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Quellen:
- Acevedo, B. P., Aron, E. N., Aron, A., Sangster, M. D., Collins, N., & Brown, L. L. (2014). The highly sensitive brain: An fMRI study of sensory processing sensitivity and response to others’ emotions. Brain and Behavior, 4(4), 580–594.
- Aron, E. N., & Aron, A. (1997). Sensory-processing sensitivity and its relation to introversion and emotionality. Journal of Personality and Social Psychology, 73(2), 345–368.
- Craig, A. D. (2002). How do you feel? Interoception: the sense of the physiological condition of the body. Nature Reviews Neuroscience, 3(8), 655–666.
- Greven, C. U., Lionetti, F., Booth, C., et al. (2019). Sensory Processing Sensitivity in the context of environmental sensitivity: A critical review and development of research agenda. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 98, 287–305.
- McEwen, B. S. (2007). Physiology and neurobiology of stress and adaptation: Central role of the brain. Physiological Reviews, 87(3), 873–904.
- Pluess, M. (2015). Individual differences in environmental sensitivity. Child Development Perspectives, 9(3), 138–143.
- Thayer, J. F., & Lane, R. D. (2000). A model of neurovisceral integration in emotion regulation and dysregulation. Journal of Affective Disorders, 61(3), 201–216.

