Folgendes: Du sitzt mit deinem/r Partner:in am Tisch. Sie oder er oder es steht auf und schlägt dabei das Knie am Tisch an. Es knallt richtig. Und deinem/r Partner:in tuts richtig weh.
Dir schauerts kalt den Rücken runter und es scheint, als ob sich dieser Schmerz auf dich überträgt.
Anderes Szenario: Deine Schwester hat endlich ihr Studium beendet, steht nun auf der Bühne der Diplomfeier und hält mit Freudetränen in den Augen und einem Hollywoodlächeln ihr Diplom in den Händen. Freude überkommt dich und vielleicht kullert sogar eine kleine Träne über deine Wangen?
Solche Momente sind Ausdruck von Empathie. Empathie ist die Fähigkeit, die Gefühle anderer Menschen wahrzunehmen und nachzuempfinden.
Doch was passiert dabei eigentlich im Gehirn?
Lange Zeit glaubte man, Empathie sei eine einzelne Fähigkeit. Heute weiss die Forschung, dass daran verschiedene Hirnregionen zusammenarbeiten.
Eine wichtige Rolle spielt die Insula. Sie hilft uns dabei, innere Körperzustände wahrzunehmen und emotionale Signale einzuordnen. Deshalb wird sie häufig als Schnittstelle zwischen Körper und Gefühlen beschrieben. Dazu liest du übrigens hier noch etwas mehr
Ebenfalls beteiligt ist der anteriore cinguläre Cortex (ACC). Dieses Hirnareal verarbeitet unter anderem die emotionale Belastung und soziale Erfahrungen. Beobachten wir beispielsweise, dass jemand Schmerzen hat, zeigen Insula und ACC häufig ähnliche Aktivierungsmuster wie dann, wenn wir selbst Schmerz erleben, allerdings deutlich abgeschwächt. Dadurch können wir das Leid anderer nachempfinden, ohne es vollständig selbst zu erleben.
Auch die sogenannten Spiegelneuronen werden häufig im Zusammenhang mit Empathie erwähnt. Sie feuern sowohl dann, wenn wir selbst eine Handlung ausführen, als auch dann, wenn wir beobachten, wie jemand anderes dieselbe Handlung ausführt. Vermutlich erleichtern sie es unserem Gehirn, die Handlungen und Absichten anderer Menschen intuitiv nachzuvollziehen. Ihre genaue Rolle für Empathie wird jedoch weiterhin wissenschaftlich untersucht.
Empathie bedeutet allerdings nicht nur, Gefühle mitzuerleben. Ebenso wichtig ist die Fähigkeit, zwischen den eigenen Emotionen und denen anderer Menschen zu unterscheiden. Dabei unterstützt uns unter anderem der präfrontale Cortex, der emotionale Reaktionen reguliert und dabei hilft, einen klaren Blick auf die Situation zu behalten.
Gut zu wissen: Empathie ist keine einzelne Eigenschaft und auch kein einzelnes „Empathiezentrum“ im Gehirn. Sie entsteht durch das Zusammenspiel verschiedener Hirnregionen, die Wahrnehmung, Emotion, Körperempfinden und Denken miteinander verbinden. Genau deshalb erleben Menschen Empathie unterschiedlich stark, und genau deshalb lässt sie sich im Laufe des Lebens weiterentwickeln.

Quellen:
Decety, J., & Jackson, P. L. (2004). The functional architecture of human empathy. Behavioral and Cognitive Neuroscience Reviews, 3(2), 71–100. https://doi.org/10.1177/1534582304267187
Lamm, C., Decety, J., & Singer, T. (2011). Meta-analytic evidence for common and distinct neural networks associated with directly experienced pain and empathy for pain. NeuroImage, 54(3), 2492–2502. https://doi.org/10.1016/j.neuroimage.2010.10.014
Singer, T., Seymour, B., O’Doherty, J., Kaube, H., Dolan, R. J., & Frith, C. D. (2004). Empathy for pain involves the affective but not sensory components of pain. Science, 303(5661), 1157–1162. https://doi.org/10.1126/science.1093535
Iacoboni, M. (2009). Imitation, empathy, and mirror neurons. Annual Review of Psychology, 60, 653–670. https://doi.org/10.1146/annurev.psych.60.110707.163604

