Kennst du das?
Du wachst morgens auf und merkst sofort, dass heut irgendwie etwas anders ist. Irgendwas fühlt sich einfach nicht so an wie sonst. Du fühlst dich unruhiger, obwohl der Tag erst begonnen hat. Oder du bemerkst bereits eine leichte Anspannung im Körper, lange bevor dir bewusst wird, was dich eigentlich wirklich beschäftigt.
Vielleicht spürst du eine aufkommende Erkältung schon Tage vor den ersten Symptomen.
Vielleicht bemerkst du Hunger, Erschöpfung oder Stress deutlich früher als andere Menschen.
Viele hochsensible Menschen berichten von genau solchen Erfahrungen. Sie haben das Gefühl, ihren Körper besonders intensiv wahrzunehmen.
Doch woran liegt das eigentlich? Handelt es sich lediglich um eine subjektive Wahrnehmung oder verarbeitet das Gehirn dessen Körpersignale tatsächlich anders?
Die Wissenschaft beschäftigt sich seit mehreren Jahren intensiv mit dieser Frage und liefert bereits interessante Antworten.

Während wir unseren Alltag bewältigen – oder es zumindest versuchen…. – sendet unser Körper ununterbrochen Informationen an das Gehirn. Zwischen Körper und Gehirn besteht eine konstante Kommunikation und das auf eine Art und Weise, einfach beeindruckend.
Unser Herz schlägt schneller oder langsamer. Die Atmung verändert sich. Die Muskeln spannen sich an. Der Magen meldet Hunger oder Sättigung. Hormone werden ausgeschüttet. Das Immunsystem reagiert auf Belastungen, aber auch auf zugeführte Unterstützung.
Die meisten dieser Prozesse laufen automatisch ab, ohne dass wir bewusst darüber nachdenken müssen. Und trotzdem nehmen wir viele dieser Signale wahr. Wir spüren ein stärkeres Herzklopfen vor einem wichtigen Gespräch. Wir bemerken ein flaues Gefühl im Magen vor einer Prüfung. Wir registrieren Müdigkeit, Anspannung oder eine innere Unruhe.
Die Fähigkeit, solche Signale aus dem Körperinneren wahrzunehmen, bezeichnet die Wissenschaft als Interozeption.
Vereinfacht gesagt beschreibt die Interozeption die Wahrnehmung dessen, was in unserem Körper gerade so geschieht.

Lange Zeit ging die Forschung davon aus, dass Wahrnehmung vor allem über unsere Sinnesorgane funktioniert. Heute wissen wir, dass das Gehirn auch kontinuierlich Informationen aus dem Körperinneren verarbeitet.
Einer besonderen Funktion kommt dabei der Insula zu. Dieses Hirnareal wird häufig als Schnittstelle zwischen Körper und Bewusstsein beschrieben. Die Insula sammelt Informationen über den Herzschlag, die Atmung, Muskelspannung, Temperatur oder die innere Aktivierung und integriert diese dann zu einem Gesamtbild unseres körperlichen Zustands.
Grundsätzlich könnte man sagen: Die Insula hilft uns dabei, zu spüren, wie es uns gerade geht.
Interessanterweise zeigen mehrere bildgebende Studien, dass genau diese Hirnregion auch bei hochsensiblen Menschen eine besondere Rolle spielt.
In dieser Hinsicht sollte man nicht unbedingt der Frage nachgehen, ob hochsensible Menschen mehr wahrnehmen als andere Menschen, sondern eher WIE sie mit diesen Wahrnehmungen umgehen und welche Bedeutung sie ihnen beimessen.

In der Forschung wird die Hochsensibilität als «Sensory Processing Sensitivity» bezeichnet. Dabei handelt es sich um ein Persönlichkeitsmerkmal, das mit einer tieferen Verarbeitung von Reizen sowie einer erhöhten Sensibilität gegenüber inneren und äusseren Reizen bzw. Informationen verbunden ist. Mehrere bildgebende Studien fanden bei Menschen mit hoher SPS eine stärkere Aktivierung in Hirnregionen, die für die Aufmerksamkeit, die emotionale Verarbeitung und die Selbstwahrnehmung bedeutsam sind. Dazu gehört eben auch die oben erläuterte Insula.
Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass hochsensible Menschen über eine Art «sechsten Sinn» verfügen oder körperliche Prozesse objektiv präziser wahrnehmen. Vielmehr deutet die Forschung darauf hin, dass sie körperlichen und emotionalen Signalen mehr Aufmerksamkeit schenken und diese bewusster verarbeiten.

Wenn wir von Körperwahrnehmung sprechen, denken wir häufig zuerst an den Herzschlag, die Atmung oder die angespannten Muskeln. Tatsächlich sind körperliche Signale und Emotionen jedoch sehr eng miteinander verbunden.
Ein schneller klopfendes Herz kann die Aufregung widerspiegeln. Ein Knoten im Bauch kann Unsicherheit signalisieren. Eine Wärme in der Brust begleitet häufig Freude oder Verbundenheit.
Emotionen zeigen sich nicht nur im Kopf, sondern immer auch irgendwo im Körper.
Die Forschung geht heute davon aus, dass unser emotionales Erleben eng mit der Wahrnehmung körperlicher Zustände verknüpft ist. Wer Körpersignale stärker wahrnimmt, erlebt häufig auf die damit einhergehenden Emotionen bewusster.
Das könnte mit erklären, weshalb viele hochsensible Menschen nicht nur körperliche Veränderungen früh bemerken, sondern auch emotionale Eindrücke intensiver erleben.
Freude, Mitgefühl, Begeisterung oder Traurigkeit werden oft differenzierter wahrgenommen und länger verarbeitet.

Wenn wir von Körperwahrnehmung sprechen, denken viele automatisch an die Genauigkeit.
Doch die Forschung unterscheidet viele Aspekte der Interozeption. Zum einen gibt es die sigenannte «interozeptive Genauigkeit», die beschreibt, wie präzise jemand Körpersignale tatsächlich wahrnehmen kann.
Zum anderen gibt es die «interozeptive Sensibilität». Diese erklärt, wie stark Menschen ihre Aufmerksamkeit auf körperliche Empfindungen richten und wie bewusst sie diese wahrnehmen.
Diese Unterscheidung ist wichtig, denn ein Mensch kann seinem Körper sehr aufmerksam zuhören, ohne automatisch jede körperliche Veränderung objektiv genauer wahrzunehmen.
Aktuelle Befunde legen nahe, dass hochsensible Menschen insbesondere eine erhöhte Aufmerksamkeit für innere Signale zeigen. Sie scheinen häufiger wahrzunehmen, was in ihrem Körper geschieht, und beschäftigen sich intensiver mit diesen Wahrnehmungen.
Vielleicht spüren sie ihren Körper also nicht zwingend genauer, möglicherweise hören sie einfach genauer hin….

Diese erhöhte Wahrnehmung kann durchaus Vorteile haben.
Viele hochsensible Menschen berichten, dass sie Anzeichen von Stress oder eine aufkommende Überlastung früh bemerken. Sie registrieren erste Anzeichen von Erschöpfung, bevor diese zu einem ernsthaften Problem werden. Sie nehmen Veränderungen ihrer Stimmung wahr, oder erkennen körperlich Warnsignale bereits in einem frühen Stadium.
In diesem Sinne kann die Körperwahrnehmung wie ein Frühwarnsystem funktionieren. Wer die Signale seines Körpers rechtzeitig erkennt, hat die Möglichkeit, darauf zu reagieren. Eine Pause einzulegen, Grenzen zu setzen, Stress adäquat abzubauen oder Unterstützung suchen sind nur einige Beispiele.
Die Fähigkeit, auf den eigenen Körper zu hören, kann deshalb eine sehr wertvolle Ressource sein.

Wie so oft im Leben, besitzt jedoch auch diese Stärke eine Kehrseite.
Wer Körpersignale besonders intensiv wahrnimmt, beschäftigt sich häufig auch stärker mit ihnen.
Kleine Beschwerden können dadurch mehr Aufmerksamkeit erhalten. Stresssymptome werden schneller registriert. Manche Menschen beginnen, körperliche Veränderungen sehr genau zu beobachten und zu analysieren.
In der Psychologie spricht man in diesem Zusammenhang teilweise von einer erhöhten Vigilanz oder Aufmerksamkeitsfokussierung auf Körpersignale.
Das hat aber nicht zu bedeuten, dass wahrgenommene Beschwerden eingebildet sind. Nein, die Wahrnehmung ist im Grund real. Allerdings kann eine starke Fokussierung dazu führen, dass Symptome subjektiv belastender erlebt werden.
Gerade bei chronischen Beschwerden wie Kopfschmerzen, Migräne oder Magen-Darm-Geschichten, wird dieser Zusammenhang zunehmend untersucht.
Fazit
Vielleicht spüren hochsensible Menschen ihren Körper nicht grundsätzlich genauer als andere.
Vielleicht hören sie einfach genauer hin.
Genau darin liegt oft eine besondere Stärke. Wer die Signale seines Körpers früh wahrnimmt, erkennt häufig auch Stress, Überlastung oder emotionale Belastungen früher.
Gleichzeitig kann diese erhöhte Wahrnehmung dazu führen, dass Beschwerden oder Anspannung intensiver erlebt werden.
Die Kunst besteht deshalb nicht darin, den eigenen Körper zu ignorieren, sondern zu lernen, seine Signale richtig einzuordnen und bewusst mit ihnen umzugehen.
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Quellen:
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